17.08.2026

„Wir befreien das Gefängnis sozusagen“

Katrin Vogel und Simon Berz über ihren geförderten Arbeitsraum in der Lehrter Straße 61

Am 5. August 2026 wurden Katrin Vogel und Simon Berz vom Hybrid Ensemble Berlin in ihrem Musikproberaum fotografiert. Im Anschluss sprachen wir bei einer Tasse Kaffee über ihre Kunst, die soziale Tragweite des künstlerischen Miteinanders und die Bedeutung eines geförderten Arbeitsraumes in Zeiten der Kulturkürzungen.

Amon Aleme Selassie

Ihr sucht beide schon lange nach einem bezahlbaren Ort zum Arbeiten in Berlin. Was hat der Zuschlag fĂĽr diesen Arbeitsraum fĂĽr euch bedeutet?

Simon Berz: Er ist essenziell. Ich hatte 2007 bereits mein erstes Studio mit APPARAT in Berlin verloren und wurde nun in Kreuzberg rausgeschmissen, weil ich Schlagzeug spiele. Auf dem freien Markt ist kaum Platz für Schlagzeuger*innen – man will niemanden stören und wird trotzdem zum Problem.

Katrin Vogel: Ich war bis vor einem Jahr an der Komischen Oper als Stellvertretende Solohornistin fest angestellt. Nebenher spiele ich seit 20 Jahren Alphorn und will mich damit selbstständig machen. Bisher habe ich zu Hause geübt, mit Dämpfer. Ein eigener Raum, in dem es wirklich „klingen“ darf, war überfällig.

Wenn ich den Proberaum betrete, spüre ich sofort, wie besonders dieser Ort ist – die hohen Decken und das Licht, das durch die alten Gitterfenster fällt. Was gibt euch dieser Ort ganz konkret?

KV: Vor allem seine Höhe – akustisch ein Traum! Ich habe jahrelang ganz hinten im eingebauten Orchestergraben gearbeitet, in diesem Raum kann ich endlich am Klang selbst arbeiten. Und wir können als Ensemble hier arbeiten.

Ihr wollt den großen Pförtnerraum, den ihr als Arbeitsraum mietet, auch für andere Musiker*innen im Haus öffnen. Was steckt dahinter?

SB: Neben meiner Klangarbeit mit klingenden Steinen und transdisziplinären Kunstformaten möchte ich das Format, das Joseph Beuys „soziale Plastik“ nannte, in Berlin etablieren: die Idee, dass nicht nur Profis, sondern alle Menschen künstlerisch gestalten können und dadurch auch die Gesellschaft mitformen. Ich arbeite mit allen Menschen, jenseits von Gender, Herkunft, Alter oder Begabung. Katrin und ich kamen unabhängig voneinander auf die Idee, dass der Raum genau dafür ein Ort hier werden könnte.

Wie fühlt es sich an, in einem ehemaligen Frauengefängnis zu arbeiten? Ist die erdrückende Geschichte des Gebäudes heute noch spürbar?

KV: Es ist überraschend unbelastet. Ich war bei der Besichtigung noch mit einer Freundin dabei und habe mich bewusst mit der Geschichte des Ortes beschäftigt, weil sie mich wirklich interessiert – das ist für mich eine sehr wichtige Frage. Von der Ausstrahlung her hatte der Raum aber nichts Schweres. Das hat mich positiv überrascht, denn ich bin eigentlich sehr sensibel. Das Gebäudekonstrukt wurde auch in den letzten Jahren schon für Kunst genutzt, zum Beispiel für die Berlin Biennale oder für Filmarbeiten für „Babylon Berlin“. Und das architektonische Konzept – was man vom Alten erhalten und was neu gebaut wurde – finde ich sehr gelungen. Sorgen habe ich mir keine gemacht: Ich glaube, mit jedem Ton, den wir hier spielen, wird der Ort ein Stück besser.

SB: Für mich ist es eine umgekehrte Energie: Wir befreien das Gefängnis sozusagen. Mein früherer Arbeitsraum lag im ehemaligen Telefunken-Gebäude, wo einst Goebbels verkehrte und der „Volksempfänger“ entwickelt wurde. Dort spürte ich eine andere, erstickende Energie. Dass ich als Mann jetzt in einem ehemaligen Frauengefängnis arbeite, finde ich dagegen eine schöne Pointe.

Beim Rundgang durchs Haus ist mir aufgefallen, wie viel gegenseitige Unterstützung es hier gibt – vom gemeinsam genutzten Wasserkocher bis zum geteilten Spülmittel in der Teeküche. Wie erlebt ihr das?

SB: Gleich am ersten Tag haben wir uns vorgestellt, und wir haben schon eine gemeinsame Telegram-Gruppe. Man spĂĽrt richtig, wie sehr sich alle ĂĽber die neuen Nachbar*innen freuen. Genau das ist fĂĽr mich Aufgabe der Kunst: die Welt, das Leben mitzugestalten. Dieser Raum ist fĂĽr uns wie eine Art Pilotprojekt: Wie wollen wir als Menschen zusammenleben, miteinander umgehen?

KV: Die Möglichkeit, in die Gemeinschaft hineinzugehen, wieder herauszugehen, wahrgenommen zu werden und sich zu unterstützen – zu sagen: „Du hast doch Erfahrung damit, schau’s dir mal an, hör’s dir mal an“ – das hat ein riesiges Potenzial. Das heißt nicht, dass daraus ein Sozialzwang wird: Wenn jemand sagt: „Sorry, ich muss einfach sechs Stunden am Tag üben und mich danach um meine Familie kümmern“, ist das genauso in Ordnung. Nach über 30 Jahren in Hochkulturinstitutionen, wo es zwar Kontakte untereinander gibt, aber eben Hierarchien sehr spürbar sind, ist dieser Raum für mich ein echter Glücksfall. Ich habe dort viel gelernt und bin dankbar dafür – aber genau diese künstlerische Professionalität jetzt auf so ein freies, soziales Level zu bringen, das ist mir wirklich sehr wichtig.

Und wo seht ihr euch als Hybrid Ensemble Berlin in einem Jahr?

SB: Ich freue mich auf sehr viele Projekte, die wegen des fehlenden Raumes schlummern mussten. Vom 3. bis 13. Dezember spielen wir zusammen mit dem Tänzer Gabriel Obergfell in der Ausstellung IMPROSITIONEN im Kunstraum MeinBlau und zeigen den Film des Ensembles, der dieses Jahr im Zen-Garten des Lassalle-Hauses in der Schweiz entstanden ist.

KV: Wir kommen ja aus verschiedenen musikalischen Welten, und deshalb ist dieser Raum für uns als Ensemble so wichtig. Das Hybrid Ensemble Berlin gibt es jetzt seit gut einem Jahr. Wir hatten schon ein paar Auftritte, stehen mit dieser besonderen Kombination aber eigentlich noch in den Startlöchern: Wir brauchen Zeit zum gemeinsamen Experimentieren und Proben. Und ich will meine Alphorn-Arbeit endlich kontinuierlich verfolgen und eigene Stücke schreiben. Bis zum nächsten Jahr haben wir unseren Stil etabliert und spannende Aufträge.

Amon Aleme Selassie